(Urban) Sketching aus Leidenschaft


November 2020

Ein Leben ohne regelmäßiges Skizzieren ist möglich, aber nicht wünschenswert

Kennst du das? Du würdest wahnsinnig gerne ein Skizzenbuch führen? Du siehst immer wieder Menschen, die das tun, …die irgendwo im Freien stehen …und einfach drauf los skizzieren! Du würdest das auch so gerne machen? Aber …

„Das könnte ich nie!“

Denn: „Was, wenn jemand her kommt … und dann drauf schaut … oder sogar kommentiert, was ich tue?“

Soll ich dir was sagen? Das kenne ich nur zu gut. Oder besser gesagt: das KANNTE ich nur zu gut.

Jahrzehntelang hat mich meine Angst, im Freien zu skizzieren und dabei beobachtet zu werden, davon abgehalten, das zu tun, was mich heute erfüllt und glücklich macht.

Ich könnte mich rückwirkend sonstwohin beißen!

Aber wir kennen das alle: „Hätte, hätte … Fahrradkette!“ Das hilft uns nicht weiter. Wir können das Leben nur rückwärts verstehen und dürfen es vorwärts leben.

Diese irrationale Angst, die mich mal beherrscht hat, habe ich zum Glück überwunden: Heute stehe ich mitten in einem sehr gut besuchten Museum, im Zentrum des Geschehens, und skizziere einfach ganz unbekümmert drauf los. Es stört mich nicht im Mindesten, wenn ab und zu mal jemand einen Blick über meine Schulter wirft oder gar einen wohlmeinenden (!) Kommentar abgibt.

Ich zeichne meine Mitreisenden in der Bahn, die Wartenden in der Warteschlange, die anderen Gäste im Restaurant, Badende am Strand, die Patienten im Wartezimmer beim Zahnarzt … So wird früher ungenutzte Wartezeit zur kreativen Auszeit.

Hans Christian Sanladerer Menschen Skizzen
Hans Christian Sanladerer Badende Mallorca

Motive sind überall

Wie kam es dazu, dass ich jetzt genieße, was ich früher so konsequent zu vermeiden wusste?

Ganz einfach: machen!

Ich fing zuerst an, in der sicheren, häuslichen Umgebung alles zu zeichnen, was mich ansprach. Je mehr ich skizzierte, desto mehr Dinge sprachen mich an. Ich entdeckte Skizze für Skizze die Schönheit des Alltäglichen.

Motive sind buchstäblich überall. Man muss nur den richtigen Blick dafür entwickeln. Dann kann die Skyline der Flaschen und Flakons im Bad plötzlich genauso spannend werden wie die Skyline von Manhattan.

Hans Christian Sanladerer, Skyline Bad Kosmetik

Zur Abwechslung zeichnete ich zwischendurch immer wieder meine Hände. Ein Thema, das mich bis heute fesselt. Erstens ist es eine ständige Herausforderung, die Proportionen im Blick zu behalten und zweitens hat man diese Motive „überall zur Hand“.

Hans Christian Sanladerer Hände

Ob drinnen oder draußen — nie ohne Skizzenbuch

Von dort ging es in den Garten und in die nähere Umgebung. Das skizzenhafte Erfassen der vielen Pflanzen brachte mich auf die Idee Workshops zum Thema „Floral Sketching — Botanische Skizzen“ anzubieten. Relativ schnell konnte ich mir nicht mehr vorstellen, das Haus ohne Skizzenbuch zu verlassen. Es ist seitdem in meinem Bauchbeutel immer dabei — egal, wo ich gerade bin. Als ich einmal feststellte, das ich es zu Hause vergessen hatte, drehte ich um, obwohl ich bereits seit einer halben Stunde unterwegs war. Die Vorstellung, OHNE mein Skizzenbuch möglicherweise ein spannendes Motiv zu verpassen, war und ist für mich mittlerweile unerträglich.

Hans Christian Sanladerer Floralsketching

Als ich mir eine gewisse Sicherheit erarbeitet hatte, fing ich an in der Öffentlichkeit zu zeichnen, also mich dem zu widmen, was man klassischer Weise als „Urban Sketching“ kennt.
Und siehe da: das vorher jahrelang gefütterte Kopfkino erwies sich als unwirkliches, weil nur theoretisches, Schreckgespenst. „Ich habe in meinem Leben schon unvorstellbar viele Katastrophen erlebt. Die meisten davon sind nie eingetreten“, schrieb Mark Twain.

Die Realität war also nicht nur viel „weniger schlimm“ als erwartet, sondern führte zu tollen Gesprächen, ungeahnten Kontakten und Erinnerungen, die mich mein ganzes Leben begleiten werden.

Hans Christian Sanladerer Reetdachhaus Prerow

Das Skizzenbuch als Garant für spannende Begegnungen

Steht man irgendwo zeichnend mit einem Skizzenbuch, erregt man Aufmerksamkeit. Ich hatte mir in London angewöhnt, die U-Bahn stets mit bereits offenem Skizzenbuch und dem Stift in der Hand zu betreten, weil man sonst hunderttausend Ausreden findet, um nicht zu skizzieren: „viel zu wenig Platz… es lohnt sich gar nicht, alles auszupacken … es sind ja eh nur drei Stationen…“ Der innere Schweinehund kann da sehr kreativ werden, wenn es um Ausflüchte geht.

Also zeichnete ich in der überfüllten „Tube“, während mir gefühlt der halbe Waggon dabei zusah. Ich erntete zustimmendes Kopfnicken, nette Kommentare und ein Herr in Mantel, großkrempigem Hund und Künstlerschal drückte mir beim Aussteigen seine Visitenkarte in die Hand, mit den Worten, er sei immer auf der Suche nach Illustratoren für seine Bücher.

Natürlich googelte ich den Herrn sofort und stellte fest, dass es sich um einen britischen Bestseller-Autor handelte, mit dem ich jetzt über Social Media vernetzt bin. Nun weiß ich nicht, ob es jemals zu einer Zusammenarbeit kommt. Eines weiß ich aber sicher: ohne den Mut in der Öffentlichkeit zu zeichnen, kommen solche Kontakte und viele, viele andere gar nicht erst zustande. Ich könnte euch nun stundenlang von meinen Erlebnissen beim Urban Sketching erzählen, aber dazu an anderer Stelle mehr. In meinen Workshops streue ich diese Erfahrungen immer gerne mit ein.

Ich möchte dich einfach ermutigen, den ersten, wesentlichen Schritt zu machen: fang an. Und bleib dran.

Hans Christian Sanladerer - Frauenporträt Wiebke

Perfektionismus? Braucht kein Mensch, kann weg.

Dabei geht es überhaupt nicht um perfektionistische Ansprüche — die kennen wir aus unserem beruflichen Alltag zur Genüge. Ich war selbst mal ein Bilderbuch-Perfektionist. Das Leben, die Skizze und das Aquarell haben mich eines Besseren belehrt. Ohne loslassen zu können wird man weder skizzenhaft locker, noch weiß man die tollen Zufallsergebnisse das Aquarells zu schätzen.

Perfektionismus und Skizze sind natürliche Feinde. Denn beim Urban Sketching geht es um den Spaß am lockeren Skizzieren, um das Abschalten und runter Kommen — im Hier und Jetzt.
Ohne den Anspruch, jedesmal den ganz großen Wurf hinzubekommen.

Du hast dich an der einen oder anderen Stelle wiedererkannt, bist neugierig darauf, selbst loszulegen oder weiterzumachen? Dann freu ich mich drauf, von dir zu hören und dich in einem meiner (Urban) Sketching-Workshops zu begrüßen und dich mit meiner Leidenschaft für’s regelmäßige Skizzieren zu inspirieren und zu eigenem Tun zu motivieren.

Text und Fotos: © Hans Christian Sanladerer 2020


Hans Christian Sanladerer ©christina-diederichs

Foto: Christina Diederichs

Hans-Christian Sanladerer ist in Garmisch-Partenkirchen geboren und aufgewachsen. Er studierte Grafik Design an der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg und Illustration an der Parson’s School of Art in New York. Nach vielen Jahren in Leipzig lebt und arbeitet er nun im Bergischen Land bei Köln.

Der Art Director, Grafik- und Produktdesigner, Illustrator und Cartoonist entdeckte vor Jahren das Skizzieren und machte es zu seiner täglich ausgeübten Leidenschaft.

Seine Begeisterung für das Skizzieren gibt er in vielen Workshops im In- und Ausland, on- wie offline, weiter und lässt sich dabei sehr gerne bei seinen Vorführungen über die Schulter blicken.

In den sozialen Medien (Instagram, Facebook und PinterestI ist er unter dem Namen illuchrisa zu finden.

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