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Verdichtung im Quadrat. Über meine Minis
Von Petra Gieffers | Lesezeit: 5 Minuten
Seit einigen Monaten entstehen in meinem Atelier fast nur noch Minis, kleinformatige Arbeiten von 10 mal 10 und 15 mal 15 Zentimetern in Mischtechnik auf Holzträger. In diesem Beitrag zeige ich, wie die Minis entstehen, von der Vorbereitung bis zur Nachbereitung, und warum das kleine Format für meine Arbeit etwas anderes möglich macht als die große Leinwand.
Vor mir liegt ein Holzträger, 10 mal 10 Zentimeter. Er ist schon ein paarmal durch meine Hände gegangen, Schicht um Schicht, ohne dass ich wusste, wohin. Ich drehe ihn, schaue. Und plötzlich ist da ein Tier. Halb Elefant, halb Maus. Es schaut mich an.
So finden meine Minis fast immer zu ihrem Motiv. Nicht durch einen Plan, sondern durch einen Moment des Erkennens.
Warum gerade jetzt das kleine Format?
Meine großen Arbeiten ringen mit großen Themen. Abschied, Wandel, Verlust. Figuren, die in mäandernden Strukturen auftauchen und wieder verschwinden. Das ist die Sprache, die ich seit 2021 suche, und sie braucht Zeit und Raum, oft über Monate an einem einzigen Bild.
Im kleinen Format passiert etwas anderes. Auf 10 x 10 cm oder 15 x 15 cm darf plötzlich ein Wimperntier Platz nehmen. Ein Widder, bei dem ich selbst nicht sicher bin, ob er wirklich einer ist. Zwei Figuren im Extraterrestrischen Chat. Eine Maus mit Schal.
Angefangen hat das ganz praktisch. Für den „Adventsacker“, ein offenes Atelier in der Vorweihnachtszeit bei uns am Pflugacker, wollte ich etwas anbieten, das sich als Weihnachtsgeschenk eignet. Etwas, das man gut in der Hand hält und mitnehmen kann. So sind die ersten Minis entstanden. Und dann kam ich nicht mehr davon los. Die Monate seither haben sich angefühlt wie ein Sog: kaum ein großes Bild, fast nur Minis.

Was niemand sieht: die Vorbereitung

Bevor der erste farbige Strich fällt, liegt schon ein guter Teil der Arbeit hinter mir. Jeder Holzträger wird zunächst auf Vorder- und Rückseite sowie an allen Kanten mit Acrylbinder grundiert. Holz ist saugfähig, und bei MDF-Platten besteht zusätzlich die Gefahr, dass sie aufquellen, wenn Feuchtigkeit eindringt. Ohne diesen Schritt würde sich die spätere Farbe ungleichmäßig verhalten. Anschließend folgen zwei dünne Schichten Gesso. Dünn, damit die Oberfläche fein bleibt und nicht zuspachtelt.
Erst dann beginnt der eigentliche malerische Prozess, und auch der braucht mindestens drei Runden: Farbaufträge, Lasuren, Setzungen, oft mit Trockenphasen dazwischen. Ein Mini, der schnell aussieht, ist selten schnell gewesen.
Ich mag diese Langsamkeit zu Beginn. Sie ist fast meditativ und steht in einem schönen Gegensatz zu der Leichtigkeit, die später auf der Oberfläche sichtbar wird.
Wie Multiplex in meine Minis kam (versehentlich)
Die erste Charge habe ich auf MDF gearbeitet. Glatte Kanten, einheitliche Oberfläche. Für die zweite Charge wollte ich Nachschub bestellen und habe im Baumarkt offenbar nicht genau genug hingeschaut. Statt MDF bekam ich Multiplex-Zuschnitte. Mit teilweise gesplitterten Rändern.
Bemerkt habe ich den Irrtum tatsächlich erst tief im Prozess. Da waren Grundierung und Gesso längst aufgetragen, die ersten Farbschichten gesetzt. Kurz war ich verärgert. Dann habe ich einen der Träger in die Hand genommen, umgedreht, an der Kante entlanggefahren und gemerkt: Diese sichtbare Schichtung, diese kleinen Absplitterungen, die Spuren der Säge, das ist nicht weniger, das ist mehr, das darf sein, genauso wie die Farbspuren auf den Rändern und der Rückseite. Das ist Material, das von sich erzählt.
Seitdem gehören beide Trägerarten zu meinen Minis. MDF für die ruhigen, geschlossenen Flächen. Multiplex für die, bei denen die Seiten mitsprechen dürfen.
Der Prozess: Was der Zufall anbietet
Die Minis entstehen in Mischtechnik aus Acryl, Tusche und Schellack. Ich arbeite in Schichten, meistens an vielen Minis gleichzeitig. Ein Wisch hier, ein Tropfen dort, eine Lasur darüber. Irgendwann beginnt eine Oberfläche zu sprechen.
Dann kommt der entscheidende Moment: Hinschauen, drehen, warten. Was bietet mir dieser kleine Raum an? Welche Form will Figur werden? Ich entscheide intuitiv, was bleibt und was verschwindet. Aus einer zufälligen Struktur wird ein Vogel. Aus einer Lasur eine Schwimmerin. Aus einem Spritzer ein Papagei.



Nachbereitung

Ist ein Mini fertig, bekommt er eine finale Lackschicht, die die Oberfläche schützt und den Farben nochmal Tiefe gibt. Dann wird auf der Rückseite ein kleiner Abstandhalter aus Multiplex angebracht, dazu ein Aufhänger. So steht der Mini später frei an der Wand und liegt nicht auf. Der kleine Abstand zur Wand wirft einen feinen Schatten, und das gibt den Minis ihre Präsenz. Wer mag, kann sie genauso gut ins Regal stellen.
Für die nächste Charge habe ich übrigens wieder MDF gekauft, diesmal wesentlich dicker. Die ersten Minis waren nur 4 Millimeter dünn und brauchten den Abstandhalter, um diesen Schatten zu bekommen. Die dickeren Träger bringen die Tiefe schon selbst mit. So hoffe ich zumindest.
Die Ränder gehören dazu
Wer einen Mini in die Hand nimmt, sieht sofort: Die Seiten sind nicht sauber. Auf der Rückseite finden sich Farb- und Lackspuren. Die Multiplex-Träger zeigen ihre Sägespuren ganz offen.
Das ist kein Mangel, sondern Teil der Arbeit. Jeder Mini trägt den Prozess seiner Entstehung an sich. Ich habe vor einiger Zeit hier im Blog über Unvollkommenheit geschrieben. Die Minis sind die gemalte Version dieses Gedankens. Nichts wird übermalt, was ehrlich vom Entstehen erzählt. Und manchmal ist sogar der Baumarkt-Irrtum derjenige, der einem den richtigen Träger in die Hand drückt.
Eine Einladung zum Ausprobieren

Für alle, die selbst malen: Probiert es einmal. Bereitet euch zehn kleine Holzträger vor, mit aller Sorgfalt. Acrylbinder, Gesso, Geduld. Dann arbeitet drauflos, ohne ein Motiv im Kopf zu haben. Legt sie weg. Holt sie wieder vor. Und dann schaut, wer euch aus diesen Flächen entgegenblickt.
Das kleine Format senkt den Einsatz, und genau dadurch macht es frei. Man verliert nichts, wenn ein Mini nicht wird, und gewinnt die Leichtigkeit zurück, die in einem großen Bild manchmal verloren geht.
Wer selbst keinen malen, aber einem begegnen möchte: Eine Auswahl zeige ich auf meiner Website.

Petra Gieffers ist Malerin und Kreativitätstrainerin. Ihre Arbeiten zeigt sie auf petra-gieffers.de. Zusammen mit ihrem Mann Uwe Matern hat sie 2017 kukundo.de gegründet, die Plattform, auf der du dich gerade befindest. Als Webdesignerin unterstützt sie mit Digitales für Kreative andere Kreativschaffende beim Aufbau ihrer Website. Sie lebt am Stadtrand von Hamburg in Schleswig-Holstein.
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