Ich habe Brustkrebs – wie mir die Malerei in dieser schwierigen Zeit hilft.

von Petra Gieffers im Oktober 2021

Die Diagnose Brustkrebs ist für jede Frau ein großer Schrecken. Bei mir kam der Schrecken in Raten. Im Mai 2021 wurde zunächst nur eine Krebsvorstufe (DCIS) diagnostiziert, die sich jedoch im Juli nach der ersten Operation als echter Krebs entpuppte. Kurzzeitig bangte ich um den Erhalt meiner betroffenen Brust, doch mit der zweiten Brustoperation war dieses Unheil glücklicherweise abgewendet. Puh.

Dafür erfuhr ich , dass mein Krebs zu einer aggressiven Sorte zählt und eine Bestrahlung nicht mehr ausreichen würde. Mist. Also Chemotherapie und Haarverlust. Mein Glück: die zwei Tumore, die gefunden wurden, waren Dank der Früherkennung beide noch sehr klein, weshalb ich aktuell eine verkürzte Chemo mit 12 Zyklen im Wochenrhythmus durchlaufe. Nächste Woche ist Bergfest.

Soweit zum Hintergrund meiner Diagnose. Denn jeder Brustkrebs ist anders.

In diesem Artikel erfährst du,

  • wie die Diagnose Brustkrebs meine kreativen Kräfte geweckt hat und
  • wie wiederum die Kunst mir nun bei der Bewältigung der herausfordernden Situation hilft.

Diagnose Krebs als Motor für den künstlerischen Neuanfang

So erschütternd die Diagnose Brustkrebs auch ist, sie hat mir bisher auch schon viel Gutes beschert. Neben einer gesünderen Ernährung, mehr Bewegung, Achtsamkeit sowie intensiveren Gesprächen mit Familie, Freunden und Bekannten, war für mich bisher das größte Glück, durch die Erkrankung zur Malerei zurückgefunden zu haben.

Dabei hätte ich mir die Zeit zum Malen schon längst nehmen können. Aber irgendwie wollte es nicht klappen. Irgendetwas hat mich immer abgehalten.

Fast fünf Jahre hatte ich mit der Malerei ausgesetzt – von gelegentlichen Aktzeichnen-Sessions und der Teilnahme an einer 30-tägigen Online-Art-Challenge im Jahr 2019 abgesehen. Anscheinend konnte ich mir erst mit der Krebsdiagnose die Erlaubnis geben, meinem Künstler-Ich wieder mehr Raum zu geben.

Wie kam es dazu? Anfangs, als ich noch im Glauben war es handele sich nur um eine Krebsvorstufe, war mein Credo „Raus damit und gut!“. Doch mit fortschreitender Zeit begann das Kopfkino und stellte Gedankenspiele an:

Was ist, wenn es doch nicht gut ausgeht und die Krankheit lebensverkürzend für mich ist?
Was mache ich mit der mir verbleibenden Zeit?
Was ist mir wichtig?
Was steht noch auf meiner Bucket List?

Ich musste nicht lange überlegen. Ich wollte nicht ferne Länder bereisen oder noch einen Fallschirmsprung wagen. Ich wollte malen! Ich beschloss, ab sofort meiner Kreativität mehr Raum geben. Konsequent. Meine neu ausgerichteten Prioritäten waren ab diesem Moment:

 

1. Krebs besiegen
2. Make my Kreativität great again.

Zwischen OP und Chemo: Turbo-Mobilisation der kreativen Ressourcen

So kam es, dass ich mich kurzfristig für einen zweiwöchigen Sommerkurs anmeldet, und zwar zum Kurs „Jenseits von Gut und Böse“ von Gosia Machon, der im Rahmen der Internationalen Sommerakademie Pentiment in Hamburg stattfand.

Ich buchte den Kurs am dem Tag, an dem ich erfahren hatte, dass eine zweite Operation erforderlich und der weitere Verlauf (Brusterhalt? Chemo?) von dieser abhängig war. Egal welche Therapie folgen würde, ich hatte zwei Wochen gewonnen und in genau dieses Zeitfenster passte der Kurs hinein. Ich bekam grünes Licht von meinem operierenden Arzt und war fortan voller Vorfreude. Was für ein Luxus, für zwei Wochen Tag für Tag, von morgens bis abends, ins kreative Tun abtauchen zu können! Ich bin mir sicher, dass allein schon die Vorfreude auf den Kurs einen positiven Effekt auf die Genesung hatte.

Das Verrückte war jedoch, dass ich seit gut 10 Jahren die Idee hatte, bei Pentiment in Hamburg teilzunehmen. Erst mangelte es an ausreichend Urlaub, dann an…. ach, irgendwas war immer. Diesmal war es plötzlich möglich. Zufall oder Schicksal?

Dieser Kurs sollte mein „Boot Camp“ für den Wiedereinstieg in die Malerei sein. Ich wollte neue Wege gehen. Weg von der Leinwand hin zum Papier. Ich hoffte auf Anregungen, wie ich mir spielerisch und experimentell neue Bildwelten erschließen kann und zu guter Letzt war ich gespannt, welchen Einfluss meine Diagnose auf meine Bilder haben würde.

Es tat so gut, die eigene kreative Kraft zu spüren

Und wie der Kurs mein Boot-Camp wurde! Ich war enorm produktiv. Eine große Leinwand und über 30 Papierarbeiten sind entstanden. Ich war überrascht, welche Bildervielfalt ich in nur so kurzer Zeit produziert hatte. Ich probierte viel aus: neue Farben, neue Formen, neue Methoden. Ich ließ mich von außen inspirieren und lauschte in mein Inneres. Es machte einfach Spaß und es tat so gut, die eigene kreative Kraft wieder zu spüren.

Pentiment – Kursabschlusspräsentation

Noch mehr Arbeiten

„Alien“,  Acryl auf Papier

Neben all dem Absichtslosen entstanden aber auch Motive, die eindeutig der Brustkrebsdiagnose geschuldet waren (siehe Titelbild und Abbildung „Alien“).

Mit diesen expliziten Krebsbildern begann ich, meine Krankheit durch meine Kunst sichtbar nach außen zu zeigen. Zunächst nur im Rahmen von Pentiment. Wenig später folgte Instagram.

Neue Malroutinen im heimischen Atelier

Wieder zu Hause machte ich einfach weiter. Ich war es jetzt gewohnt, jeden Tag, die Kunst in den Mittelpunkt zu stellen. Die Intensität ließ natürlich nach, aber es hatte eine neue Selbstverständlichkeit, sich fast täglich ans Werk zu machen und weiter zu spielen und zu experimentieren.

Noch vor Ort (bei Pentiment) hatte ich mir fünf DIN A5 Skizzenbücher (eigentliche eher Hefte) gekauft und machte mich bald daran, das erste nach und nach zu füllen. Daneben entstanden und entstehen lose Blätter.

Ich habe keine festen Zeiten. Mal setze ich mich frühmorgens , wenn ich nicht mehr schlafen kann, an meinen Arbeitstisch oder am späten Vormittag, meistens jedoch gen Abend. Dadurch dass ich mit Wasserfarben und Tinte auf Papier male, brauche ich nicht viel Platz und wenig Vor-und Nachbereitung. Ein Glas Wasser geholt und los gehts.

Meine Haltung ist geprägt von der Kursphilosophie „Jenseits von Gut und Böse“. Oberstes Gebot: keine Wertung der entstandenen Bildwelten. Alles fließen lassen. Vermeintlich Hässliches, Misslungenes zulassen. Weitermachen. Assoziativ, intuitiv mit Spieltrieb und Spaß.

Im Dialog mit dem Unbewussten

Gerade diese absichtslosen Spielereien führen zu den erstaunlichsten Bildern, die plötzlich Raum für Interpretationen geben. Und so fange ich an, über die von mir selbst geschaffenen „zufälligen“ Bildwelten meine Situation zu deuten. Manches ist heiter, manches düster. Was hat das Bild mit mir und meiner Situation zu tun? Was macht es mit mir? Welche Gefühle waren schon beim Malen da, welche stellen sich erst beim Betrachten ein? Welche Ängste zeigen sich im Unbewussten, die sich meine Ratio vielleicht nicht eingestehen möchte?

Chemokeule attackiert Krebszelle, während die Haarwurzelzellen das Geschehen ängstlich beäugen.

Der Versuch, ein „Breastcancer Art Journal“ zu führen

Zu Beginn hatte ich die Idee, eine Art bildliches Krebstagebuch zu führen. Doch setzte mich das schnell unter Druck – und Druck brauche ich im Moment ja überhaupt nicht. Dennoch nähere ich mich zuweilen dem Thema Krebsbewältigung auch bewusst. Ich fühle mich dann in eine bestimmte Fragestellung zu der Krankheit ein und mache mich auf die Suche nach inneren und äußeren Bildern.

So sind auch die nachfolgenden vier kleinen Arbeiten entstanden. Sie visualisieren die Hauptnebenwirkung in der ersten Chemowoche. Ich bekam akneartigen Ausschlag im Gesicht und war für mehrere Tage puterrot im Gesicht. Draußen schien die Sonne und ich durfte nicht raus.

Kortisonköpfe

Wie mir das Malen beim Verlust der Haare geholfen hat

Zu den sichtbarsten Nebenwirkungen der Chemotherapie gehört, dass einem die Haare ausfallen. Bei mir ging es Ende der zweiten Therapiewoche auf einem Sonntagabend vor dem Fernseher los. Plötzlich hielt ich eine lose Haarsträhne in meinen Fingern. Das war schon ein sehr eigentümlicher Moment. Am nächsten Tag floss auch mal eine Träne, aber der weitere Weg war durch Gelassenheit geprägt. Was mir dabei geholfen hat, war die Anfertigung von Selbstporträts:

Auf der Suche nach mir selbst – im Selbstporträt

Ich suchte und fand eine alte Fotografie, auf der ich zuletzt kurze Haare hatte. Das war in den Mittdreißigern, also vor 20 Jahren. Ich trug damals auch noch keine Brille. Ich versank in meinen Gesichtszügen, spürte Ähnlichkeiten zu anderen Familienmitgliedern auf… Ich beschäftige mich quasi mit einer Version von mir, die es so auch schon lange nicht mehr gibt. Ich nahm symbolisch Abschied von dieser 35-Jährigen, so wie ich bald Abschied von meinem jetzigen Ich nehmen würde. Aber gleichzeitig kam ich meinem Wesenskern näher. Ich spürte mich – losgelöst von Alter und Aussehen.

Das machte es mir im Folgenden leichter, mich von den Haaren zu trennen. All meine Trauer steckte in den Selbstporträts (die übrigens nicht besonders geworden sind; die tröstende Kraft lag im Prozess!).

Kojak ist überall

Und während peu à peu die Haare ausfielen und ich irgendwann die Haarlänge in vier Schritten beherzt und heiter kürzte, schlichen sich – wie wenig verwunderlich – immer mehr Glatzköppe in mein Skizzenbuch. Das brachte mich stets zum Schmunzeln.

Schelmischer Glatzkopp

Performance mit Resthaarkugel

Heiter ging es auch beim „Fotoshootings mit Resthaarkugel und Modellpuppe“ zu:

Die Idee kam, als ich die letzten 9 mm langen Haarreste im Waschbecken mit den Finger zusammenstrich und sich eine Kugel formte. Ich bewahrte die Haarkugel auf und setzte meine Idee in einem passenden Moment um. Nicht jedermanns Sache, aber ich hatte meinen Spaß.

Instagram: heilender Dialog mit dem Außen

Ich habe früh gespürt, dass ich offen mit meiner Erkrankung umgehen möchte. Dass es ruhig alle wissen sollen. Drüber zu sprechen, hilft mir bei der Bewältigung. Vor meiner Erkrankung habe ich selbst so erschreckend wenig über Brustkrebs, seine Biologie, die Therapiemöglichkeiten gewusst.

Mittlerweile erkrankt jede 8. Frau in Deutschland in ihrem Leben an Brustkrebs und davon ist jede Vierte unter 50 Jahre alt. Tendenz steigend. Grund genug, um mehr über diese Krankheit zu sprechen.

Durch das Posten meiner eigenen Erfahrungen gewinne ich selbst an Klarheit. Außerdem tut mir der Austausch mit anderen Betroffenen und Nichtbetroffenen gut. Die Anteilnahme und Rückmeldungen aus der Community bestärken mich, diesen Weg weiterzugehen.

Fazit

Dank der Brustkrebsdiagnose habe ich zur Malerei zurückgefunden. Ich schöpfe viel Kraft aus meinem kreativen Tun und dem Austausch mit anderen Menschen darüber. Ich bin dankbar, dass mir diese Mittel und Möglichkeiten bereit stehen und ich mit ihnen gestärkt meinen Weg gehen kann.

Was könntest du für dich mitnehmen?

  • Nutze die Angebote zur Krebsfrüherkennung! Dieser Aufruf gilt auch für die männliche Leserschaft. An alle Frauen: tastet monatliche eure Brüste ab!
  • Solltest auch du dich in einer Krisensituation befinden (es muss nicht eine Krankheit sein), dann sei offen für die heilsamen Kraft der Bilder. Unterstützend könnte eine professionelle kunsttherapeutische Begleitung eine gute Lösung sein.
  • Warte nicht bis zur existentiellen Krise mit dem Ausleben deiner Kreativität und deiner Träume. Fange doch einfach schon heute damit an!

Wer mich auf meinem künstlerisch untermalten Genesungsweg weiter begleiten möchte, findet mich auf Instagram unter petra.gieffers.art.


Petra Gieffers betreibt zusammen mit ihrem Mann Uwe Matern die Plattform kukundo.de. Gemeinsam leben sie in Schleswig-Holstein, am Stadtrand von Hamburg. Außerdem bietet Petra Gieffers unter dem Namen Digitales für Kreative Unterstützung bei der Online-Selbstvermarktung von Kreativen an. Ein Schwerpunkt bildet hierbei dabei die Erstellung von Websites mit WordPress. Ihr künstlerisches Treiben lässt sich auf petra-gieffers.de verfolgen.