
Abb 1 Der prüfende Blick auf das eigene Werk – ein vertrautes Gefühl im kreativen Prozess.
INSPIRATION :: KREATIVITÄTSTECHNIKEN
Freier malen – drei Übungen gegen den inneren Kritiker
Von Clara Morgenthau | Lesezeit: 3 Minuten
Viele Menschen hören nicht auf zu malen, weil sie es „nicht können“, sondern weil sie sich selbst im Weg stehen. Der innere Kritiker ist oft schneller als der erste Pinselstrich. Er bewertet, vergleicht und korrigiert – noch bevor überhaupt etwas entstehen darf.
In diesem Beitrag zeige ich dir drei einfache Übungen, mit denen du wieder in einen freieren kreativen Prozess findest. Sie verbinden konkrete Praxis mit einem Perspektivwechsel: Weg von Kontrolle, hin zu Reaktion und Vertrauen.
Blind zeichnen – Vertrauen vor Kontrolle
Diese Übung wirkt überraschend stark, obwohl sie sehr simpel ist.
So geht’s:
- Lege ein Blatt Papier vor dich.
- Nimm einen Stift.
- Schließe die Augen.
- Zeichne zwei Minuten lang dein Gesicht – ohne abzusetzen, ohne nachzudenken
Öffne danach die Augen und sieh dir an, was entstanden ist.
Wichtig: Jetzt nicht korrigieren.
Nimm stattdessen ein oder zwei Farbmarker und setze gezielt Akzente. Vielleicht betonst du eine Linie. Vielleicht verbindest du Formen. Vielleicht reagierst du einfach spontan auf das, was da ist.
Der entscheidende Punkt dieser Übung ist nicht das Ergebnis, sondern der Perspektivwechsel. Du arbeitest nicht aus Kontrolle heraus, sondern aus Reaktion. Dein Körper zeichnet. Dein Verstand tritt einen Schritt zurück. Und genau dadurch entsteht oft mehr Lebendigkeit.



Mit Schichten arbeiten – Farbe nicht sofort bewerten
Viele bewerten ihr Bild zu früh. Kaum ist eine Fläche gemalt, kommt der Gedanke: „Das sieht nicht gut aus.“
Doch Bilder entstehen in Schichten.
Probiere Folgendes:
– Befeuchte dein Papier leicht (bei Aquarell oder dünner Acrylfarbe).
– Trage eine erste Farbschicht locker auf – mit Pinsel, Spachtel oder auch mit dem Finger.
– Lass sie trocknen.
– Lege anschließend eine zweite Schicht darüber, ohne die erste „retten“ zu wollen.
Beobachte, wie sich Farben verändern, wenn sie übereinanderliegen. Manches verschwindet, anderes tritt hervor.
Diese Arbeitsweise verändert nicht nur das Bild, sondern auch die Haltung. Du gibst dem Prozess Zeit. Du akzeptierst, dass nicht alles im ersten Schritt stimmig sein muss. Kreativität wird dadurch weniger angespannt und deutlich experimenteller.


Gemeinsam malen – warum Resonanz Mut macht
Viele malen allein am Küchentisch. Das kann schön sein, aber es hat auch eine Kehrseite: Es fehlt die Resonanz.
In Gruppen zeigt sich oft etwas Interessantes. Sobald mehrere Menschen nebeneinander arbeiten, entsteht ein Raum, in dem Unperfektes normal wird. Niemand hat sofort „das perfekte Bild“. Alle sind im Prozess.
Diese Erfahrung wirkt entlastend. Der innere Kritiker verliert an Macht, weil man sieht: Auch andere suchen, probieren, übermalen, beginnen neu.
Kreative Entwicklung geschieht nicht nur durch Technik, sondern auch durch Atmosphäre. Ein wertschätzender Rahmen, in dem nicht bewertet wird, verändert den Mut, mit dem wir arbeiten.

Fazit: Reagieren statt kontrollieren
Freier zu malen bedeutet nicht, Techniken zu ignorieren. Es bedeutet, den Zeitpunkt der Bewertung zu verschieben.
Erst reagieren.
Dann entwickeln.
Und erst ganz am Ende entscheiden.
Wenn du deinem Prozess mehr Raum gibst, entsteht oft etwas, das du nicht planen konntest – aber das viel stärker mit dir zu tun hat.

Clara Morgenthau ist Künstlerin und Autorin des 2022 im emf-Verlag erschienenen Buches „Soul-Painting“. Seit vielen Jahren begleitet sie Frauen dabei, ihren eigenen künstlerischen Ausdruck wiederzuentdecken und weiterzuentwickeln.
In ihrer Arbeit verbindet sie intuitive Malprozesse mit klaren Übungen und einer wertschätzenden Lernatmosphäre. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage, wie Kreativität jenseits von Perfektionsansprüchen entstehen kann – als lebendiger Prozess, der Vertrauen, Experimentierfreude und persönliche Entwicklung fördert.
Neben Onlinekursen initiiert sie auch gemeinsame Malräume, in denen Austausch und Resonanz eine zentrale Rolle spielen.
